Demokratie beginnt im Menschen – Interview mit Derk Janßen

Der Verleger Derk Janßen brachte 2005 Walt Whitmans Demokratische Ausblicke in neuer deutscher Übersetzung heraus. In den USA ein Klassiker, hier kaum beachtet. Heute, in Zeiten von Polarisierung, Vertrauensverlust und gesellschaftlicher Erschöpfung, wirkt der Text erstaunlich gegenwärtig. Ein Gespräch über Freiheit, Selbstkultur und die Frage, warum Whitman gerade jetzt wieder gelesen werden sollte.

Armin: Ganz direkt: Warum sollte sich heute, im Jahr 2026, irgendjemand in Deutschland mit Whitmans Demokratische Ausblicke beschäftigen?

Derk: Weil Walt Whitmans Text eine Welt aufschließt. Whitman ist ein Autor, der sein Land tief verstanden hat, in seinen Stärken und auch in seinen Schwächen. Und weil er das Demokratische nicht nur beschrieben, sondern verinnerlicht hat.

Er schreibt diesen Text 1870/71, rund hundert Jahre nach der Unabhängigkeit der USA und unmittelbar nach dem Bürgerkrieg (1861-65). Das Land war durch den Sieg der Nordstaaten zwar geeint, aber innerlich zerrissen. Aus dieser Spannung heraus entsteht der Text. 

Whitman fragt: Was hält eine Demokratie im Inneren zusammen? Und das ist eine Frage, die uns heute wieder unmittelbar betrifft.

Image Not Found
Derk Janßen betreibt einen eigenen Verlag für Literatur und Philosophie in Freiburg. Schwerpunkt unter anderen: die Epoche der American Renaissance.

Walt Whitmans demokratische Lyrik

Armin: Für alle, die Whitman nicht kennen: Wer war er? Was unterscheidet ihn von anderen politischen Denkern?

Derk: Whitman lebte von 1819–92 und war kein politischer Theoretiker im klassischen Sinne. Er war Journalist, Herausgeber von Zeitungen und Dichter. Im Grunde der bedeutendste amerikanische Dichter des 19. Jahrhunderts.

Sein Hauptwerk Grashalme definierte die Dichtung neu. Keine festen Formen, keine Reime, sondern ein freier, atmender Rhythmus. Und vor allem: ein Blick auf das Leben selbst. Whitman beschreibt Menschen in den Straßen, Arbeiter, Maschinen, Natur, Körperlichkeit. Alles gehört zusammen. Diese Dichtung hat das amerikanische Selbstverständnis geprägt.

Sein Essay Demokratische Ausblicke erweitert diese poetische Erfahrung ins Öffentliche und Politische. Die Frage lautet: Wenn das Leben so reich, so vielfältig ist, wie muss dann eine Gesellschaft aussehen, die ihm gerecht wird?

Wenn das Leben
so reich, so vielfältig
ist, wie muss dann
eine Gesellschaft
aussehen, die ihm
gerecht wird?

Armin: Was mir beim Lesen auffällt: Dieser Ton von Verbundenheit. Diese Freude daran, Teil eines großen Zusammenhangs zu sein. Das wirkt auf uns ungewohnt.

Derk: Ja, das ist ein zentraler Punkt. Whitmans starkes Selbst beschreibt das Kleine immer mit dem Großen und zu diesem komplementär. 

Ein Grashalm ist für ihn nie nur ein einzelner Halm, er ist Teil eines Ganzen. Und genauso sieht Whitman auch den Menschen: als Individuum und Repräsentant eines umgreifenden Zusammenhangs.

Seine Haltung ist geprägt von Wertschätzung, vom Vertrauen darauf, dass das Alltägliche Bedeutung hat. Das unterscheidet seine Dichtung von europäischen Traditionen, die eher abstrakt, distanziert, auch pessimistisch sind.

Demokratie als Lebensform

Armin: Gehen wir zurück zu Demokratische Ausblicke. Du hast gesagt, der Text entstand aus einer Krise. Was genau hat Whitman erschüttert?

Derk Janssen: Der amerikanische Bürgerkrieg. Er hat ihn nicht nur beobachtet, sondern als Pfleger in Kriegslazaretten hautnah erlebt. Er hat Verwundete versorgt, Sterbende begleitet. Das war für ihn eine existenzielle Erfahrung.

Die zentrale Frage war: Was hält dieses Land zusammen? Die Antwort: Seine Menschen.

Whitman sieht in Amerika ein demokratisches Versprechen: Freie Menschen können ihre Zukunft selbst gestalten. Demokratische Ausblicke ist kein Jubeltext, sondern eine Bestandsaufnahme und ein radikaler Versuch, die moralische und geistige Grundlage der Demokratie neu zu denken.

Armin Jäger: Wenn man auf die USA heute schaut, wirkt das erstaunlich aktuell. Wo siehst du die Parallelen?

Derk Janssen: Wir erleben eine extreme Polarisierung und eine Krise der Wahrheit. Nicht nur in den USA, sondern weltweit. Unterschiedliche Wirklichkeiten stehen einander gegenüber.

Whitman würde sagen: Das ist genau der Punkt, an dem sich entscheidet, ob Menschen sich und den anderen sehen und verstehen. Das ist der Punkt, an dem das demokratische Versprechen einlösbar ist.

Denn wenn das gemeinsame Fundament, ein Mindestmaß an Wahrheit und gegenseitigem Vertrauen, verloren geht, dann geraten auch die Institutionen ins Wanken.

Sein Text ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie mehr ist als ein System. Sie ist eine Lebensform, sie ist ein gelebtes Verhältnis der Menschen zueinander.

Wenn Whitman als Berater nach Deutschland käme …

Institutionen können
Freiheit stützen, aber
nicht hervorbringen.

Armin: Schauen wir nach Deutschland. Unsere Demokratie wirkt oft nüchtern, sehr institutionell. Man könnte sagen: Wir haben das System gut im Griff. Aber uns selbst?

Derk: Das ist die entscheidende Frage. Wenn Menschen nicht dazu in der Lage sind, sich zusammenzureißen, wird ihnen ein System nicht helfen. 

Demokratie lebt durch die Menschen selbst. Durch ihre Bildung, ihre innere Freiheit, ihre Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Institutionen sind wichtig – aber sie sind zweitrangig. Sie können Freiheit stützen, aber nicht hervorbringen.

Freiheit entsteht, wenn Menschen sie aus sich selbst heraus entwickeln. Und genau dieser einfache, elementare Gedanke fehlt in unseren heutigen Debatten.

Armin: Das klingt nach einer ziemlich anspruchsvollen Vorstellung von Demokratie.

Derk: Das ist es auch. Whitman traut dem Menschen viel zu.

Er verbindet Individualität und Gemeinschaft. Beides gehört für ihn zusammen und muss immer wieder neu ausbalanciert werden.

Diese Balance kann nicht durch Regeln, Gesetze oder Systeme hergestellt werden. Sie entsteht durch Selbstbildung, durch die Arbeit der Einzelnen an sich selbst.

Das ist der grundlegende und für unsere jetzige Situation relevanteste Gedanke in diesem Buch.

Armin: Wenn Whitman heute als Berater nach Deutschland käme – wo würde er ansetzen?

Derk: An Bildung und Selbstkultur.

Er würde fragen: Wie bilden wir Menschen aus, die frei denken können? Die Verantwortung übernehmen? Die ihr Leben auch als Chance für die Gesellschaft verstehen?

Es geht um die Entwicklung von Persönlichkeit. Und er würde sagen: Wenn wir hier nicht ansetzen, bleiben alle politischen Reformen vergeblich.

Das demokratische Versprechen

Die Frage ist,
ob wir aufhören
wollen, uns als
Menschen zu
vertrauen.

Armin: Beim Lesen hatte ich trotzdem manchmal den Eindruck: Das ist ziemlich pathetisch. Fast romantisch. Ist dieser poetisch-humanistische Ansatz nicht naiv?

Derk: Es hat Pathos, ja. Und es hat eine spirituelle Dimension.

Whitman glaubt daran, dass in uns Menschen mehr angelegt ist als wir im Alltag sehen. Dass Menschen wachsen können – über sich hinaus.

Die Frage ist nicht, ob das naiv ist. Die Frage ist, ob wir aufhören wollen, uns als Menschen zu vertrauen.

Wenn wir das tun, verlieren wir den Boden, auf dem Demokratie möglich ist.

Armin: Was verändert sich, wenn man dieses Buch liest?

Derk: Der Blick verschiebt sich.

Man erkennt: Demokratie ist nichts, das einfach funktioniert, wenn die Institutionen stehen. Sie lebt davon, dass Menschen sie tragen.

Und vielleicht lässt man sich anstecken durch die Idee, dass jeder Einzelne eine Rolle hat. Das ist das demokratische Versprechen.

Armin: Letzte Frage: Wenn Whitman heute einen Satz zur Lage der Demokratie sagen müsste – welcher wäre das?

Derk: In Demokratische Ausblicke schreibt er: 

„Demokratie ist ein großes Wort, dessen Geschichte noch nicht geschrieben ist, da diese Geschichte erst noch aufgeführt werden muss.“ 1)

Walt Whitman, Demokratische Ausblicke, Freiburg, 2005, S. 50
Infos zum Buch im Literaturkanon.

Derk Janßen

gründete seinen gleichnamigen Verlag mit dem Motiv, Impulse für eine aktiv-teilnehmende Demokratie zu setzen. Whitmans Demokratische Ausblicke war das erste Buch. Hinzugekommen sind mittlerweile Lyrik und Prosa – und seit 2020 die Zeitschrift Sukzession, die jährlich erscheint und ebenfalls seinem umfassenden Demokratie-Projekt zuzuordnen ist.
Mehr zur Zeitschrift auch im Literaturkanon.

Mehr zu Derk, seinem Verlagsprogramm und seinen Projekten:
https://www.derk-janssen-verlag.de
https://www.deutschlandfunk.de/derk-janssen-verlag-fuer-die-partizipatorische-demokratie-100.html

Nachklang

I Contain Multitudes, Bob Dylan
Song of Myself – I Celebrate Myself, GAMPOOL, Walt Whitman
Adagio for Strings, Samuel Barber

Die 3 Songs hören auf Spotify
Alle Songs von Buddha-in-Business auf Spotify
Enjoy!

Avatar-Foto
Armin Jäger

Der schönste Wettbewerbsvorteil ist Bewusstheit.