Hört auf, alles zu wollen! – Interview mit Milena Findeis

Wesentlich werden heißt: genauer werden mit sich selbst. Milena Findeis spricht über ihren Lebens- und Arbeitsweg, der nicht durch Verzicht, sondern durch Klärung geprägt ist. Wir sprechen über das Loslassen von Ansprüchen. Über die leise, aber anspruchsvolle Praxis, dem Wesentlichen im eigenen Leben näherzukommen.

Armin: Wenn du auf dein früheres Leben als Führungskraft zurückblickst – was war darin wirklich wesentlich – und was hat sich im Nachhinein als Beiwerk erwiesen?

Milena: Wesentlich war für mich immer Kommunikation auf Augenhöhe. Das klingt banal, ist es aber nicht. Es ist keine Technik, sondern eine Haltung. Sie entscheidet darüber, ob Menschen sich zeigen, ob Probleme benannt werden dürfen oder ob alles nur so lange funktioniert, bis es knirscht.

Was ich dagegen bewusst abgelegt habe, ist übertriebener Perfektionismus. Und sehr früh habe ich verstanden, wie wichtig eine echte Fehlerkultur ist. Fehler sind keine Störung, sondern Hinweise. Nur dort, wo etwas nicht funktioniert, entsteht überhaupt Lernraum. Gerade in Führungs- und Dienstleistungszusammenhängen ist es fatal, Fehler zu verdecken oder Schuldige zu suchen.

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Milena Findeis vertraut auf die Kraft von Menschen,
die verstehen – nicht besitzen – wollen.
Foto: Miroslava Žůrková Ondrášová

Äußerlich voll, innerlich leer

Armin: Viele erleben ihren Arbeitsalltag als äußerlich voll, aber innerlich leer. Gab es Dinge, die du rückblickend als Beschäftigung ohne Wirkung beschreiben würdest?

Milena: Ja, sehr viele. Vor allem Sitzungen und Besprechungen, die zwar formal korrekt abliefen, aber keine klare Zielrichtung hatten. Es gab Tagesordnungen, aber kein gemeinsames Verständnis davon, worum es eigentlich geht. Das erzeugt Aktivität, aber keine Orientierung.

Ohne Vertrauen und
Augenhöhe bleibt alle
Organisation an der
Oberfläche und kann
nicht wirklich greifen.

Besonders prägend war für mich die Erfahrung, wie stark Angst Kommunikation blockiert. Als ich begann, in Tschechien zu arbeiten, habe ich erlebt, dass Mitarbeitende in offiziellen Runden kaum etwas sagten. Die relevanten Informationen kamen erst in Pausen oder Einzelgesprächen. Das zeigt sehr deutlich: Ohne Vertrauen und Augenhöhe bleibt alle Organisation an der Oberfläche und kann nicht wirklich greifen.

Kein Drama, eher stille Praxis

Armin: Du sprichst heute nicht von Minimalismus, sondern vom Wesentlich-Werden. Viele träumen davon, haben aber das Gefühl, dafür müsste man radikal aussteigen. Wie war das bei dir?

Milena: Es war kein Ausstieg und kein Entschluss. Es war – und ist – ein Prozess. Und ich hoffe, er ist nie abgeschlossen. Für mich war immer entscheidend, dass ich für etwas wirklich Feuer und Flamme bin. Dann entsteht Energie, dann wage ich Neues.

Interessanterweise kam der Moment des Innehaltens oft genau dann, wenn alles rund lief. Wenn Prozesse funktionierten, wurde es für mich innerlich leer. Dann begann wieder die Suche. Dieses Wechselspiel aus Engagement und Loslassen gehört für mich wesentlich zum Leben.

Armin: Viele spüren genau diesen Punkt – trauen sich aber nicht, ihm zu folgen. Wie zeigt sich dieses Wesentlich-Werden heute ganz konkret in deinem Alltag?

Milena: Durch bewusste Unterbrechungen. Wenn ein Impuls auftaucht – etwas zu kaufen, zu beginnen oder mich abzulenken – halte ich inne und frage mich: Brauche ich das wirklich?

Das Schwierigste dabei ist das Loslassen von Gewohnheiten. Was sich einmal eingeschrieben hat, verlangt echte Arbeit, um sich davon zu verabschieden. Ich beobachte mich dabei oft selbst – und lerne, über mich zu lächeln. Wesentlich-Werden ist nichts Heroisches, sondern eher eine stille Praxis.

Bewusste Ablenkung darf sein

Meetings funktionieren
oft wie kleine Wettbewerbe.

Armin: Ablenkung ist für viele der größte Gegner. Gerade für Menschen mit Verantwortung. Wie gehst du damit um?

Milena: Ich bin davon nicht ausgenommen. Bücher sind zum Beispiel eine große Versuchung für mich. Wenn mich ein Thema interessiert, bestelle ich oft mehrere gleichzeitig.

Gleichzeitig weiß ich: Energie ist begrenzt. Wesentlich zu werden heißt auch, sich zu fokussieren, um sich nicht zu verzetteln. Im Umgang mit digitalen Medien bin ich deshalb sehr klar. Ich habe keinen Fernseher, nutze mein Smartphone hauptsächlich zum Telefonieren, soziale Medien äußerst sparsam und Push-Nachrichten bleiben grundsätzlich deaktiviert. Informationen wähle ich gezielt aus – und begrenze sie zeitlich. Aufmerksamkeit ist für mich ein kostbares Gut.

Armin: Woran merkst du, ob etwas wesentlich ist oder nicht? Gibt es dafür innere Kriterien?

Milena: Ja: Konzentration. Wenn ich mich ganz auf eine Sache einlassen kann, stimmt es. Sobald mehrere Dinge gleichzeitig meine Aufmerksamkeit fordern, werde ich misstrauisch.

Verdeckte Ablenkung empfinde ich als verlorene Zeit. Wenn Ablenkung, dann bewusst – nicht nebenbei. Das klingt streng, ist aber befreiend.

Schönheit behutsam zulassen

Schönheit entsteht dort,
wo Dinge stimmig sind
und Resonanz erzeugen.

Armin: Du sprichst oft von Schönheit – nicht als Dekoration, sondern als gelebte Qualität. Welche Rolle spielt sie in diesem Prozess?

Milena: Schönheit hat für mich mit innerer Harmonie zu tun. Sie entsteht dort, wo Dinge stimmig sind und Resonanz erzeugen. Ein einfaches Beispiel ist mein Balkon. Ich bin keine Gärtnerin, aber ich habe gelernt hinzuschauen: Was passt zusammen? Wo fühlt sich etwas richtig an?

Wenn im Sommer alles blüht, ist das für mich Schönheit – als Ergebnis von Aufmerksamkeit. Nicht gemacht, sondern zugelassen.

Wesentlich-Werden braucht Werte

Armin: Was bedeutet dieses Wesentlich-Werden für Arbeit, Führung und Verantwortung?

Milena: Ich erlebe viele Arbeitskulturen als überfrachtet mit Absicherungslogiken. Regeln, Prozessen, Dokumentationen – vieles davon ist notwendig, aber es verdeckt oft den Kern. Ein gut funktionierendes Arbeitsleben braucht vor allem ein verlässliches Wertesystem, nicht endlose Vorschriften.

In meiner früheren Arbeit war Verantwortung ein zentrales Thema. Ich habe Mitarbeitende nicht nur nach Qualifikation ausgewählt, sondern danach, ob sie Verantwortung spüren. Diese dauerhafte Verantwortung war auch belastend – etwa wenn selbst im Urlaub das Telefon klingelte. Heute ist es eine große Erleichterung, diese permanente Alarmbereitschaft hinter mir gelassen zu haben.

Aufbauen und Loslassen

Armin: Zum Schluss: Wenn du den Prozess des Wesentlich-Werdens mit einem Bild beschreiben müsstest – welches wäre das?

Milena: Das Bild des Bildhauers. Die Figur ist im Stein bereits angelegt. Alles Überflüssige wird nach und nach entfernt.

Dieser Weg braucht Motivation von innen und Disziplin. Er ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf. Jede Lebensphase hat ihre eigene Qualität – Aufbau und Loslassen gehören gleichermaßen dazu.

Am Ende geht es darum,
die Distanz zwischen
Illusion und gelebter
Wirklichkeit zu verkleinern.

Am Ende geht es darum, die Distanz zwischen Illusion und gelebter Wirklichkeit zu verkleinern. Je näher beides zusammenrückt, desto weniger Illusionen braucht es. Dann kann man dem Leben begegnen, wie es ist.

Milena Findeis

arbeitete unter anderem als Assistent Managerin auf einer Formel 1-Rennstrecke, baute ab 1991 das Büro der Österreich-Werbung in Prag auf und schuf danach für das erste Designhotel in Prag ein Marketing-Konzept, das von allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hotels verwirklicht wurde – ohne einen Euro Werbebudget. Heute sind für sie Lyrik, Prosa, Fotografie gestaltende Elemente, um im Alltag Haltung zu zeigen. 

Zu sehen, lesen und erfahren ist das auf ihren Blogs:
www.zeitzug.com – literarisches Online-Magazin mit Ukraine-Schwerpunkt

www.augnerin.eu – Fotoblog vom Balkondschungel und seinem Drumherum

Nachklang

Ich habe genug, Johann Sebastian Bach
Fields of Gold, Eva Cassidy
Freilandherz, Wortfront

Die 3 Songs hören auf Spotify
Alle Songs von Buddha-in-Business auf Spotify
Enjoy!

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Armin Jäger

Der schönste Wettbewerbsvorteil ist Bewusstheit.