Hoffnungslos? Im Buddhismus nur ein neuer Anfang

Was tun, wenn wir unseren bisherigen Geschichten nicht mehr glauben und die Hoffnung schwindet? Wenn alte Sinn-Konstrukte zerbrechen und neue noch nicht glaubwürdig sind? Der Buddhismus kennt diesen Zustand nicht nur, er trainiert ihn systematisch. Das macht ihn für (Selbst-)Führung überraschend relevant. Fürs eigene Leben wie für unsere Rolle im Job. 

Der gefährlichste Moment: zwischen zwei Geschichten

Krisen sind selten nur Sachprobleme. Meist sind sie Brüche im Bedeutungsgefüge.
Eine Geschichte, die Orientierung gegeben hat, funktioniert nicht mehr. Die Zahlen stimmen vielleicht noch, doch die Narrative verlieren bereits den Kampf mit der Wirklichkeit.

Dieser Zustand ist gefährlich. Nicht, weil er ungewöhnlich wäre, sondern weil wir ihn kaum aushalten. Statt innezuhalten, produzieren wir hastig neue Geschichten: zum Angeben bei den Nachbarn, zum Demonstrieren von Stärke, zum Festhalten am Selbstbild. Hauptsache, die Leere verschwindet und es ist wieder was zum Herumerzählen da.

Doch Leere lässt sich auch anders wahrnehmen. Nicht als Mangel, sondern es gewonnenen Freiraum. Das erfordert Übung und ist buchstäblich not-wendig.

Jede Organisation ist ein Erzählbusiness 

Jede Art von Organisation wird durch Geschichten angetrieben. Was Menschen wirklich motiviert, sind niemals nur Zahlen, Ziele oder Prozesse, sondern die Erzählungen, die ihnen Sinn verleihen. Warum wir etwas tun. Wofür es sich lohnt. Was auf dem Spiel steht.

In diesem Sinn ist jedes Unternehmen, jede Organisation, jedes politische Projekt ein Erzählbusiness. Führung heißt immer auch, Fakten in Handlungsperspektiven zu übersetzen – und damit in Geschichten.

Die ersten groß angelegten Erzählbusinesses der Menschheitsgeschichte waren die Religionen. Lange bevor es Unternehmen, Nationalstaaten oder Marken gab, koordinierten religiöse Narrative große, heterogene Gruppen von Menschen. Sie schufen gemeinsame Sinnhorizonte, stabilisierten Identitäten und ermöglichten kollektives Handeln über Raum und Zeit hinweg. Wer verstehen will, wie Geschichten wirken – und warum sie so mächtig sind –, kommt an Religionen nicht vorbei. Nicht aus Glaubensgründen, sondern aus „organisations-entwicklerischer“ Neugier.

Buddhismus – ein „Erzählbusiness plus“

Zum einen ist der Buddhismus eine gemeinschaftsbildende Religion und daher ein Erzählbusiness wie jede andere Religion auch. Die Geschichten unterscheiden sich auch gar nicht so sehr: Auch Buddhisten kennen Geschichten von Auserwähltheit, Glücksversprechen, großer Aufgabe … eben alles, was so erzählt wird, um einen Haufen Menschen zusammenzuhalten. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich zunächst kaum von anderen religiösen oder ideologischen Systemen. 

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied:

Soweit sich religionsgeschichtlich sagen lässt, ist der Buddha der einzige Religionsstifter, der seine eigenen Geschichten systematisch wieder zurückgenommen hat. Er hat sie erzählt – und später annulliert. Nicht aus Willkür oder Widersprüchlichkeit, sondern aus pädagogischer Absicht.

Im Mahayana-Buddhismus wird dieser Schritt offen reflektiert, besonders im Lotos-Sutra. Dort heißt das entsprechende Kapitel programmatisch: „Hilfreiche Mittel“. Gemeint sind genau jene Geschichten, Lehren und Bilder, die Menschen auf dem Weg unterstützen – ohne selbst die Wahrheit zu sein.

Die Zumutung ist radikal:
Alles, was dir bislang Sinn gegeben hat, kann – ja muss – wieder losgelassen werden.

Der Buddhismus betreibt also nicht nur Erzählarbeit, sondern durchschaut das Geschichtenbusiness selbst. Er nutzt Geschichten und entzieht ihnen zugleich den Anspruch auf Letztgültigkeit. Genau darin liegt sein Wert für das kluge Kuratieren unserer Hoffnungen.

Enttäuschung als Trainingsmoment, nicht als Scheitern

Die Schülerinnen und Schüler des Buddha erleben im Lotos-Sutra mehrfach das, was wir heute einen Sinnschock nennen würden. Das bisher Geglaubte wird entwertet. Die bisherige, feste Orientierung zerbricht. Enttäuschung keimt wie Schimmel an der Wand.

Doch diese Enttäuschung ist kein Unfall. Sie ist das Training.

Der Buddhismus geht davon aus, dass Menschen erst dann wirklich frei handeln können, wenn sie nicht mehr von Geschichten abhängig sind, um sich selbst als wirksam zu erleben. Solange ich auf eine bestimmte Erzählung angewiesen bin – über mich, mein Unternehmen, meine Rolle, meinen Erfolg –, bleibe ich verwundbar. Bricht die Geschichte, bricht mein Handeln.

Deshalb lehrt der Buddhismus nicht zuerst Hoffnung, sondern den Umgang mit Enttäuschung.

Buddhaschaft: Hoffnung jenseits von Geschichten

Im Zentrum steht dabei kein neues Narrativ, sondern eine Erfahrung: die Verwirklichung der Buddhaschaft.

Gemeint ist damit weder ein Übermensch noch eine sonstwie optimierte Persönlichkeit. Sie bezeichnet unter anderem ein unzerstörbares Selbst, nicht im psychologischen, sondern im existenziellen Sinn. Hier bedeutet es vor allem ein Selbst, das nicht aus Geschichten besteht und daher durch keine Geschichte zerstört werden kann.

Wer sich aus diesem Bewusstsein heraus erlebt, braucht keine Erzählung mehr, um handlungsfähig zu sein. Geschichten dürfen entstehen, wirken, wieder vergehen. Sie definieren nicht mehr den Kern.

Das ist der entscheidende Punkt: Der Buddhismus zielt nicht auf bessere Geschichten, sondern auf Freiheit im Umgang mit Geschichten.

Daraus entsteht eine Form von Hoffnung, die nicht an Erfolg, Anerkennung oder Sinnversprechen gebunden ist. Eine Hoffnung jenseits von Geschichten.

Praxis: Geschichten löschen, verwandeln, neu setzen

Diese Freiheit im Umgang mit Geschichten bleibt im Soka-Buddhismus kein abstraktes Ideal. Sie wird praktisch eingeübt. Nicht theoretisch, sondern körperlich, emotional und geistig zugleich.

Im Zentrum der Praxis steht das Chanten. Es ist weder Beschwörung und noch magischer Akt, sondern eine radikale Form der Unterbrechung. Beim Chanten werden vertraute innere Erzählungen – über mich, meine Rolle, meine Probleme, meine Schuld oder meine Hoffnung – nicht weitergesponnen. Sie werden auch nicht analysiert oder korrigiert. Sie verlieren schlicht ihre Dominanz.

Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Leben wie es ist. Auf Gegenwärtigkeit ohne Kommentar. Auf das, was bleibt, wenn Geschichten für einen Moment nicht mehr gebraucht werden. In dieser Erfahrung löst sich das endlose Geplapper im Kopf auf. Nicht durch Widerlegung, sondern durch Bedeutungsverlust. Es wird leiser und durchlässiger. Als wäre es bereit, der Leere zuzuhören.

Aus dieser Unterbrechung entsteht etwas Entscheidendes: Handlungsfähigkeit ohne vorherige Rechtfertigung, die sich langsam, aber entschieden wieder ins Leben tastet. Das geschieht nicht, weil plötzlich eine bessere Geschichte gefunden wurde, sondern weil das Selbst nicht mehr vollständig an Geschichten gebunden ist.

Der buddhistische Trainingsweg lässt sich – stark verkürzt – so beschreiben:

  • Enttäuschen: falsche Gewissheiten bewusst loslassen
  • Aushalten: Leere nicht sofort füllen
  • Verwirklichen: Wirksamkeit aus sich selbst heraus erfahren
  • Neu erzählen: Geschichten bewusst, vorläufig und verantwortungsvoll setzen

Diese Praxis ist nicht exklusiv buddhistisch. Auch Gebet, kontemplative Meditation, Achtsamkeit oder andere spirituelle Übungen mögen ähnliche Wirkungen entfalten: Sie unterbrechen das permanente Erzählen. Sie öffnen einen Raum für einen frischen inneren Dialog, der sich danach in frischen äußeren Dialoge weiterspinnt. So entsteht Neues, erst im mutigen, ehrlichen Selbstgespräch, dann im Gespräch mit anderen.

Im Soka-Buddhismus ist diese Dynamik nicht nur Nebenwirkung, sondern explizites Zentrum der Praxis. Chanten dient hier weder der Entspannung, noch der Selbstoptimierung und noch der Sinnstiftung, sondern der bewussten Auflösung und Neubildung von Geschichten. Genau deshalb macht diese Praxis besonders sichtbar, was in vielen anderen Formen eher implizit geschieht.

So verstanden ist Chanten eine Schule der Souveränität im Geschichtenbusiness. Es löscht Narrative nicht dauerhaft, sondern nimmt ihnen den Absolutheitsanspruch. Geschichten dürfen entstehen – und wieder vergehen. Sie tragen, solange sie tragen. Und sie dürfen enden, ohne dass der Mensch mit ihnen zusammenbricht.

Aus dieser Haltung dürfen – und werden – neue Geschichten entstehen, die für das, was vor uns liegt, besser passen als die alten.

Vorübergehende Sinn-Freiheit aushalten

Organisationen scheitern selten an mangelnden Ideen. Sie scheitern daran, dass niemand den Mut hat, eine gescheiterte Geschichte gemeinsam zu beenden.

Im Marketing zeigt sich das in immer schrilleren Kampagnen.
In der Strategie in permanenten Reframings (und Meetings).
In der Führung in Durchhalteparolen, wo eigentlich radikales Sich-Ehrlich-Machen nötig wäre.

Der buddhistische Beitrag liegt nicht darin, bessere Visionen zu liefern. Er liegt darin, Führungskräfte darin zu schulen, Sinnbrüche auszuhalten, ohne sofort neue Narrative zu erzwingen. Stattdessen heißt es jetzt: präsent zu bleiben, aufmerksam für das, was gerade ist, mitfühlend im Umgang mit Verunsicherung, und mutig genug, um Nichtwissen einzuräumen, bis wieder etwas WIRKLICH Tragfähiges entsteht.

Wer das kann, gewinnt strategische Beweglichkeit, glaubwürdige Kommunikation, resiliente Teams, und eine Haltung, die nicht kollabiert, wenn Pläne scheitern.

Souverän im Geschichtenbusiness

Dies wäre die Steilvorlage: Der Buddhismus arbeitet mit Geschichten – und durchschaut das Geschichtenbusiness zugleich. Er macht Menschen nicht zu besseren Gläubigen, sondern zu souveränen Erzählerinnen und Zuhörern.

Nicht, indem er sie lehrt, „tolle Geschichten“ zu erfinden oder zu glauben.
Sondern, indem er sie befähigt, Geschichten als das zu nutzen, was sie sind: Werkzeuge. In einer Welt, in der Narrative über Macht, Märkte und Zukunft entscheiden, ist das eine radikale Form von Mündigkeit.

Wenn Geschichten zerbrechen, zeigt sich, worauf wir wirklich bauen.
Der Buddhismus schlägt vor, diesen Moment nicht zu übergehen, sondern zu üben. Nicht als Flucht vor unserer Verantwortung, sondern als Voraussetzung für verantwortliches Handeln.

Eine Hoffnung, die nicht an Geschichten hängt, kann immer wieder neue Geschichten hervorbringen. Geschichten, die im besten Sinne vor-läufig sind.

Nachklang

Breaking free, Ulrich Jannert
Voodoo Voodoo, Zucchero
Eyes on the Prize, Indra Rios-Moore

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Enjoy!

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Armin Jäger

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