Hoffnung als Disziplin – so bringen wir die Welt voran

Wir reden viel über Hoffnung, aber wenig darüber, wie sie wirkt. Manche Hoffnungen tragen uns durch schwierige Zeiten, andere führen geradewegs in Enttäuschung, Zynismus oder Gewalt. Hoffnung ist kein harmloses Gefühl, sondern eine Kraft, die unser Handeln formt: im Privaten, im Business, in der Politik. Zeit, sie nicht länger dem Zufall zu überlassen.

Hoffnung bedeutet in diesem Text weder Optimismus noch Erwartung und schon gar nicht Trost. Hoffnung meint hier die Fähigkeit, unter Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.

Wir Menschen sind hoffende Wesen. Ohne die Annahme, dass unser Handeln einen Sinn haben könnte, würden es die wenigsten morgens aus dem Bett schaffen. Doch Hoffnung ist weder ein Automatismus von so genannten Optimisten noch ist sie eine Tugend an sich. Man kann mit ihr gut weiterkommen. Und man kann mit ihr genauso gut das eigene Leben an die Wand fahren.

Deshalb lohnt es sich, Hoffnung nicht als Gefühl, sondern als Disziplin zu begreifen. Als etwas, das man immer wieder üben und neu lernen kann. Diese Perspektive verdanke ich maßgeblich dem Historiker und Essayisten Philipp Blom, der Hoffnung konsequent aus der Gefühls- und Trostzone herausholt. Sein Buch 

„Hoffnung – Über ein kluges Verhältnis zur Welt“

ist eine nüchterne, wohltuend untröstliche Einladung, unser Verhältnis zur Welt neu zu justieren. Ohne Illusionen, aber auch ohne Zynismus.

Im Folgenden greife ich Bloms zentrale Gedanken auf und ergänze sie dort, wo er bewusst offen bleibt: bei der Frage, wie wir mit zerbrochenen Hoffnungen umgehen, ohne sofort zur nächsten Illusion zu greifen. Der Buddhismus liefert hierfür keine neuen Heilsversprechen, wohl aber eine überraschend praktische Trainingslogik.

Hoffnung ist eine Investition – hoffentlich eine kluge

Hoffnung, so mahnt Blom zu Beginn, sei mit Vorsicht zu genießen: „Die letzten beiden Jahrhunderte haben uns gezeigt, dass schlecht investierte, dumme Hoffnungen zu Katastrophen führen. Die vielleicht blutigsten und grausamsten Episoden der Geschichte entstanden aus den glühendsten Hoffnungen.“ (S. 19)

„Schlecht investierte, dumme Hoffnungen“ finde ich bemerkenswert. Hoffnung ist also nicht per se „gut“ und führt mitnichten immer ins Glück. Hoffnung gibt es in unterschiedlichen Qualitäten. Ich kann mich draußen bei verschiedenen Sinn-Anbietern umsehen und hier oder dort investieren. Das unterscheidet sich in nichts vom Aktienmarkt. Nur dass wir auf dem Hoffnungsmarkt viel impulsiver, uninformierter und unbewusster agieren als an der Börse. Und die Verluste existentieller sind. 

In welche Hoffnung investiere ich? Die richtige Antwort darauf ist für unser Leben wichtiger als die richtige Geldanlage. Entweder sie trägt mich und ich sterbe erfüllt, oder ich stürze noch zu Lebzeiten ab. 

Theoretisch könnten wir Hoffnungen, die mit der Zeit nicht mehr performen, auch wieder abstoßen. Praktisch jedoch klammern wir uns an schlechte Hoffnungen stärker als an schlechte Aktien. Mit schlimmen Folgen: Wie viele menschliche Gewaltakte, von häuslicher Gewalt bis zum Völkermord, waren kaum mehr als der verzweifelte Versuch, die Verluste von schlecht investierter, dummer Hoffnung zu retten? Wenn wir dumme Hoffnungen rechtzeitig abschreiben und kluge Hoffnung kultivieren könnten, wäre uns und der Welt viel geholfen. Wie geht das? Wie funktioniert die Börse der Hoffnung?

Hoffnung wirkt durch Geschichten 

Hoffnung, Glauben und Geschichtenerzählen sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich kaum trennen lassen. Im japanischen Buddhismus wird für „Glaube“ das Kanji-Zeichen Shin verwendet, das sich aus zwei Zeichen zusammensetzt:  Mensch und Wort/Sprache. Damit ist das gesamte Hoffnungs-Business auf eine nüchterne Tatsache heruntergebrochen: Menschen erzählen sich etwas – und schaffen so eine gemeinsame Wirklichkeit.

Philipp Blom beschreibt diesen Zusammenhang sehr präzise:
„Um in einer menschlichen Welt zu leben, ist es unerlässlich, bestimmten Geschichten Glauben zu schenken, denn dadurch entsteht die mentale Landkarte, die dir erlaubt, durch dein Leben zu navigieren und auch in Gegenden vorzustoßen, die du selbst noch nicht kartografiert hast.“ (S. 110)

Das betrifft existenziell-religiöse Angelegenheiten genauso wie den Alltag in Organisationen, Unternehmen oder politischen Gemeinschaften. Unsere Welt wird zusammengehalten, indem wir uns fortlaufend Geschichten erzählen, denen wir Glauben schenken – aus denen wir wiederum Hoffnungen entwickeln, die unser Handeln bestimmen.

Spätestens seit den Bestsellern von Yuval Noah Harari ist vielen Menschen bewusst geworden, wie zentral geteilte Erzählungen für unsere Lebensführung sind. Menschen koordinieren sich über gemeinsame Fiktionen, so seine These. Und er sagt ausdrücklich: Fiktionen. Denn diese Geschichten sind in den seltensten Fällen wahr und in den meisten ausgedacht. Das gilt vor allem für die billigen, aber mächtigen Geschichten: die von der Überlegenheit der Herrenrasse oder der eigenen Nation, vom Sieg des Proletariats, von einem Gott, der nur ein bestimmtes Volk schützt, oder vom schnellen, garantierten Erfolg.

Je mehr Menschen an eine solche Geschichte glauben, desto wirkmächtiger wird sie. Sie schafft ihre eigene Realität. Doch früher oder später zeigt sich fast immer eine Kluft zwischen der erhofften und der tatsächlichen Wirklichkeit. Genau an diesem Punkt wird es – was diese einfachen, aber erfolgreichen Geschichten betrifft – oft grausam.

Falsch investierte Hoffnungen müssten eigentlich abgeschrieben werden. Doch haben wir je einen religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Führer erlebt, der sagt: „Ich habe mich geirrt. Wir müssen umkehren.“ Stattdessen werden Sündenböcke gesucht oder die Kosten der eigenen Illusionen mit Gewalt externalisiert.

Wenn Hoffnung durch Geschichten wirkt, dann entscheidet sich ihr Gelingen oder Scheitern genau dort, wo Geschichten zerbrechen. 

Für Führung bedeutet das: Nicht jede Krise ist ein Zahlenproblem – oft ist es eine zerbrochene Geschichte.

Was tun, wenn eine Geschichte zerbricht?

Hier bleibt Bloms Analyse offen. Er beschreibt eindrucksvoll, warum Hoffnungen scheitern können. Doch er führt nicht weiter aus, wie Menschen den Moment aushalten, in dem eine tragende Geschichte zusammenbricht und noch keine neue zur Verfügung steht. Genau diese Phase ist jedoch entscheidend: individuell, gesellschaftlich – und auch im Business.

An diesem Punkt wird ein Gedankengut interessant, das viele säkulare Leser zunächst auf Abstand halten würden: der Buddhismus. Nicht als Glaubensangebot, sondern als Praxis im Umgang mit Sinnverlust.

Auch der Buddhismus ist eine gemeinschaftsbildende Religion und damit ein Erzählbusiness wie andere Religionen auch. Seine Geschichten unterscheiden sich zunächst kaum von denen anderer Traditionen: Es gibt Verheißungen, Aufgaben, Vorbilder, Erzählungen von Auserwähltheit und gelingendem Leben. Allein dadurch wäre er nichts Besonderes.

Der entscheidende Unterschied liegt im Umgang mit diesen Geschichten. Im Buddhismus haben sie einen klar vorläufigen Zweck. Sie sind Hilfsmittel, keine Wahrheiten. Baugerüste, nicht das Haus. Wegweiser, nicht das Ziel. Sie gelten situativ und widersprechen einander nicht selten – weil Wirklichkeit selbst widersprüchlich ist.

Und noch ein entscheidender Unterschied: Der Buddhismus begrüßt den Moment, in dem es nichts zu erzählen gibt. Er trainiert für die Durststrecke, während der keine tragende Geschichte verfügbar ist. Er lädt nicht dazu ein, sofort eine neue Hoffnung zu formulieren, sondern zunächst innezuhalten. Wahrzunehmen, was weggebrochen ist. Die Leere nicht zu übertünchen, sondern auszuhalten. Genau wie Blom schreibt:

„Wir können“, schreibt Blom, „die Abwesenheit einer starken Geschichte nicht irgendwie überkleistern oder sonst wie ungeschehen machen und durch eine andere ersetzen.“ (S. 126)

Genau das versuchen wir jedoch ständig – im Selbstmarketing, im Change-Management, in der politischen Kommunikation. Der schnelle Ersatz soll die Leere überbrücken, damit das Geschäft weiterläuft. Doch diese hastig produzierten Geschichten tragen nicht einmal kurzfristig. Oft stürzt man mit ihnen schon auf den ersten Schritten ab.

Die buddhistische Praxis bietet einen anderen Weg. Er besteht – stark verkürzt – aus drei Bewegungen:
erstens Enttäuschen: falsche Gewissheiten bewusst loslassen;
zweitens Erinnern: sich der eigenen Erfahrungen, Werte und Beziehungen zu vergewissern, ohne sie sofort zu neuen Versprechen zu verdichten;
und drittens Entstehen lassen … wie aus sich aus dieser geklärten Wahrnehmung heraus eine neue, vorläufige Geschichte formuliert, die wieder handlungsfähig macht. Wissend, dass auch sie nicht endgültig ist.

Der Buddhismus bietet damit keine „großen“ Hoffnungen an. Er bietet eine Praxis, diese schmerzhafte Phase zwischen zwei Geschichten auszuhalten, ohne handlungsunfähig zu werden. „Glaube“ bedeutet hier nicht Zustimmung zu Geschichten, sondern Vertrauen darauf, dass sich in diesen oft schmerzhaften Leerphasen etwas Neues bildet, auch wenn es sich zunächst nicht so anfühlt.

Wer genauer wissen möchte, wie das geht, dem sei dieser Beitrag empfohlen.

Hoffnung als „lange Disziplin“

Im letzten Kapitel macht Blom dem nichtreligiösen Teil seiner Leserschaft ein Angebot, das transzendent ist, ohne in Passivität zu münden: Das Üben einer Hoffnung, die sich möglicherweise nicht im eigenen Leben erfüllt, sondern Generationen braucht. Um diese Haltung zu verdeutlichen, zitiert er Václav Havels Erinnerungen aus dem Gefängnis: 

„Hoffnung ist keine Prognose. Sie ist eine Orientierung des Geistes, eine Orientierung des Herzens; sie geht über die unmittelbar erlebte Welt hinaus und ist irgendwo jenseits ihres Horizonts verankert. Hoffnung in diesem tiefen und kraftvollen Sinn ist nicht dasselbe wie die Freude darüber, dass die Dinge gut laufen, oder die Bereitschaft, in Projekte zu investieren, die offensichtlich bald erfolgreich sein werden, sondern vielmehr die Fähigkeit, sich für etwas einzusetzen, weil es gut ist und nicht nur, weil es Aussicht auf Erfolg hat.“ (145)

Was für ein kluger Zug. Diese Form von Hoffnung ist transzendent, ohne sich schicksalsergeben zurückzulehnen. Im Gegenteil: Sie fordert zu höchster Aktivität auf und weist dabei der kurzfristigen Selbstsucht klare Grenzen. Blom benennt die dafür nötigen Praktiken ausdrücklich: das Ringen um Handlungsspielräume, das Üben und Verankern in alltäglichen oder musischen Tätigkeiten, und vor allem das wache Verhandeln von Geschichten, wie oben beschrieben. 

Es ist eine Hoffnung, die sich mitten im eigenen Leben verwirklicht und zugleich weit über dieses Leben hinausweist. Damit lässt sich gut leben. Nicht unbedingt „erfolgreich“ im engen Business-Sinn – aber wie lange soll reiner Business-Erfolg schon tragen?

Vielleicht noch eine letzte Frage. Und eine Antwort. Weil das hier ein Business-Blog ist:

Frage: „Wie könnte diese Art von Hoffnung unser Business erneuern? Wie machen wir daraus tragfähige Geschäftsmodelle oder schlagkräftige Teams?

Antwort: Der erste Schritt wäre, auf die Frage: „Wie geht es dir/uns eigentlich?“ eine radikal ehrliche, nicht inszenierte Antwort zuzulassen. Ohne Selbstvermarktungsabsicht miteinander zu sprechen. Die Antwort gemeinsam er-tragen. Und aufmerksam zu hören, was daraus entsteht.

Buchempfehlung

Philipp Blom, Hoffnung – Über ein kluges Verhältnis zur Welt, Hanser Verlag, München, 2024, ISBN 978-3-44628135-6 > zu beziehen unter anderem hier.

Nachklang

Breaking free, Ulrich Jannert
Voodoo Voodoo, Zucchero
Eyes on the Prize, Indra Rios-Moore

Die 3 Songs hören auf Spotify
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Enjoy!

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Armin Jäger

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