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Das Ideal im Buddhismus ist eine mitfühlende Gesellschaft. Wie weit wir uns gerade davon entfernen, zeigt beispielhaft die Honorarkürzung für Psychotherapeut:innen. Damit geht zwangsläufig eine zusätzliche Verknappung von Therapieplätzen einher. Hilfe bei psychischen Erkrankungen wird es bald nurmehr für die Reicheren geben. Der Rest darf sich gefälligst zusammenreißen.
Stell dir vor, deine Psyche streikt. Du funktionierst nicht mehr richtig. Schlafen geht kaum noch, Arbeiten auch nicht. Du suchst Hilfe – und bekommst einen Termin in fünf Monaten. Vielleicht. Vielleicht auch gar nicht. Das ist keine Ausnahme. Das ist für Hunderttausende Alltag. Und genau in diesem Moment entscheidet die deutsche Politik, die Vergütung für Psychotherapie zu kürzen.
4,5 Prozent weniger Honorar – beschlossen im März 2026 – für eine Berufsgruppe, die ohnehin am Limit arbeitet. Eine kleine Zahl im großen System. Und doch ein Signal, das viele als Schlag ins Gesicht empfinden.
Etwa 75 % der PsychotherapeutInnen sind Frauen. Diese Tätigkeit lebt von Fähigkeiten, die wir gesellschaftlich gern als „weich“ bezeichnen: Zuhören, Empathie, Menschenkenntnis, emotionale Intelligenz.
Gleichzeitig haftet ihr etwas an, das man selten laut ausspricht: Hier wird „nur geredet“. Keine Maschinen, keine Apparate, kein sichtbarer Output. Kein technischer Betrieb.
Dass genau in diesem Bereich zuerst gekürzt wird, ist zumindest erklärungsbedürftig. In der öffentlichen Debatte wird deshalb auch der Verdacht geäußert, dass hier eine strukturelle Abwertung einer weiblich geprägten Tätigkeit sichtbar wird.
Zur Erinnerung: Die psychotherapeutische Ausbildung gehört zu den längsten im Gesundheitssystem. Rund zehn Jahre bis zur eigenständigen Tätigkeit.
Im bisherigen System mussten viele ihre Weiterbildung zu großen Teilen selbst finanzieren – oft im fünfstelligen Bereich. Gleichzeitig wurde in dieser Phase wenig verdient. Auch Kassensitze sind in vielen Regionen teuer.
Der Einstieg in diesen Beruf ist also alles andere als leicht. Wer sich in die Debatte einarbeitet, merkt schnell: Die Maßstäbe, nach denen hier verglichen und gerechnet wurde, sind umstritten – oder rundheraus: schwer verdächtig.
Eine Psychotherapie wird aktuell mit 100-120€ vergütet. Ein Tag in einer psychiatrischen Klinik kostet das 3- bis 5-fache.
Derzeit erkranken etwa 17 Millionen Deutsche jedes Jahr an einer psychischen Störung. Psychotherapie, frühzeitig eingesetzt, verhindert in vielen Fällen die Einweisung in die Klinik.
Derzeit suchen 2,1 Millionen Menschen aktiv Hilfe. Davon warten 40% etwa 5-9 Monate auf einen Therapieplatz. Das macht rund 800.000 Menschen, die lange warten und leiden. Und immer wieder krankgeschrieben werden, was volkswirtschaftlichen Schaden verursacht.
Wir haben derzeit 148 Millionen Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen pro Jahr. Das sind 17-18% aller Krankheitstage im Land. Das kostet unserer Wirtschaft etwa 40 bis 45 Milliarden € – und verursacht im Gesundheitssystem Kosten von 50–60 Milliarden €.
Nun schafft man ausgerechnet dort einen weiteren Engpass, wo man psychische Erkrankungen kostengünstig und frühzeitig behandeln, Menschen wieder arbeitsfähig machen und teure Klinikaufenthalte verhindern oder verkürzen könnte.
Die geplante Einsparung durch die Honorarkürzung: 200 Millionen €.
Neben der Honorarkürzung gibt es weitere Schikanen für die TherapeutInnen: absurde Dokumentationspflichten und eine erzwungene IT-Ausstattung, die fehleranfällig ist und für 1-Personen-Praxen kaum zu stemmen. Nicht wenige überlegen sich, ihre Praxen zu schließen oder früher in Rente zu gehen. Die Zahl der verfügbaren Therapieplätze dürfte damit weiter sinken, was politisch gewollt ist.
Dem gegenüber stehen die Kosten, wenn psychisch Erkrankte keine Hilfe finden, die Kliniken sich füllen und die Krankschreibungen in die Höhe schnellen. Diese Einsparung hilft niemandem, nicht einmal den leeren Kassen. Sie lässt die Kosten nur anderswo entstehen und steigen.
IcIn Deutschland existieren rund 95 gesetzliche Krankenkassen (GKV). Sie stehen formal im Wettbewerb – bieten aber im Kern weitgehend identische Leistungen an. Dieser Wettbewerb muss also künstlich erzeugt werden.
Alle großen Kassen betreiben umfangreiche Websites, Magazine, Kampagnen, Sponsoring. Sie liefern Inhalte zu nahezu allen Lebens- und Gesundheitsthemen, die, blickt man in ihre Webseiten, ebenfalls identisch sind. Das kostet. Schätzungen zufolge liegen die Ausgaben für Marketing und Kommunikation insgesamt bei etwa 250 bis 400 Millionen Euro pro Jahr. Alles zum Selbstzweck der „Markenbildung“. Die Versicherten haben nichts davon. Bei den Werbeagenturen gilt ein Etat bei einer großen GKV als Jackpot.
Gleichzeitig entstehen Verwaltungskosten von rund 12 bis 13 Milliarden Euro jährlich.
Und das System ist weiter fragmentiert: 17 Kassenärztliche Vereinigungen (KV), dazu weitere Ebenen, Gremien und Strukturen. 95 GKV, 17 KV – und alle verfolgen nur ein und dasselbe Ziel: medizinische Versorgung. Die großen Digitalprojekte zeigen, wie schwer es ist, diese Kräfte zu bündeln:
Nichts davon ist vollständig gescheitert. Aber vieles wirkt überkomplex, langsam und teuer. International gehört Deutschland zu den teuersten Gesundheitssystemen:
12–13 % des BIP fließen in Gesundheit. Gleichzeitig liegen viele Ergebnisse nur im Mittelfeld. Das System leistet viel. Aber es leistet nicht das, was es kostet.
Und dennoch wird an einer Stelle gespart, die vergleichsweise wenig kostet und hohe Wirkung entfalten kann.
Dieses Muster zeigt sich nicht nur im Gesundheitssystem. Auch im Bildungssystem existieren parallel 16 unterschiedliche Strukturen, ebenfalls teuer, aber beschämend in den PISA-Ergebnissen.
Auch hier entsteht der Eindruck: viel Aufwand, aber nicht immer viel Nutzen.
Drei Fragen zu dieser Situation in Deutschland:
1) Ist bürokratische Komplexität zum Selbstzweck geworden?
2) Wird Energie in Verwaltung statt in Nutzen investiert?
3) Wird dort gespart, wo der Lobby-Widerstand am geringsten ist?
Und eine vierte, polemische Frage:
4) Kommen hierzulande auf jede Person, die echten Wert schaffen will, gefühlt fünf, die sie dabei prüfen, kontrollieren, gängeln? Egal, ob sie Lehrer, Gründerinnen, Unternehmer oder Ärztinnen sind? Raubt man diesen Menschen systematisch den Elan? Wenn dies zutrifft, erklärt es einen Teil der Lähmung.
Aus buddhistischer Sicht lassen sich gute Entscheidungen an drei Qualitäten erkennen: Weisheit, Mitgefühl und Mut. Die Sparmaßnahme bei Psychotherapie für gesetzlich Versicherte zeigt keine davon:
Sie ist nicht weise, weil sie kurzfristig spart und langfristig Kosten erzeugt.
Sie ist nicht mitfühlend, weil sie ausgerechnet dort kürzt, wo Menschen Hilfe suchen.
Und sie ist nicht mutig, weil sie die großen strukturellen Fragen unangetastet lässt.
Sie ist dumm, kaltherzig und feige.
Harte Reformen sind zumutbar, vielleicht sogar willkommen, wenn 3 Dinge zutreffen:
Dann würden sie einen Aufbruch einleiten, dann könnte sich eine Gesellschaft erneuern. Noch ist nichts endgültig. Gegen die Abwertung der Psychotherapie wird gekämpft und geklagt. Systeme wirken träge, aber sie sind menschengemacht – und damit veränderbar. Im Buddhismus beginnt jede Veränderung nicht im System, sondern im einzelnen Menschen.
Darin keimt immer Hoffnung: Wenn genug Menschen aufhören, das Falsche für alternativlos zu halten.
Online-Petition und Hintergrundinfo auf change.org
Weitere Info, Pressespiegel, etc. vom Verband der PsychotherapeutInnen
Everbody Knows, Sigrid
Both Sides Now, Joni Mitchell
Seashore, The Regrettes
Die 3 Songs hören auf Spotify.
Alle Songs von Buddha-in-Business auf Spotify
Enjoy!
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Beides ist eine Freude für mich. Vielen Dank.
Das Beitragsbild ist diesmal nicht von mir, sondern von meiner Tochter. Gemalt mitten in der Corona-Krise. Da war sie 11.