Schreib Dein persönliches Zukunftsmanifest – gegen die Omnikrise

Du legst das Handy weg. Die Gegenwart da draußen hat Dich wieder zugebrüllt. In all den Krisen scheint die Zukunft schon ausgebucht. Da ist kein Platz mehr für Dich, mich, uns. Doch die Zukunft ist immer noch da. Du, ich … wir spielen eine Rolle in ihr. Zeit, sie zu entwerfen, festzuhalten und erste Schritte zu gehen. Hier ein Vorschlag für den Anfang.

Die Zukunft ist ein Erzählwettbewerb 

Wenn Du „Zukunft“ googelst und Dir die Bilder anschaust, wirst Du feststellen: 80% sind in blaues Licht getauchte Tech-Fantasien mit Servern, Platinen, Robotern, Lasern und so weiter; 20% sind grünbewachsene Öko-Fantasien von weitflächigen Städten, umwucherten Mega-Glastürmen und so weiter. Beide Fantasien wirken merkwürdig klinisch und vor allem: wenig einladend. Es scheint, als gäbe es keine attraktive Vorstellung davon, wie wir in den nächsten Jahren leben wollen. 

Und noch etwas: Diese zwei Zukunfts-Bilderwelten haben nichts mit unseren persönlichen Hoffnungen und Träumen zu tun. Sie sind entweder technologie-getrieben oder merkwürdig grüngewaschen. Wie dürftig ist das – und überdeutlich: Es fehlen zugkräftige Narrative. Oft erklingt der Ruf nach Visionen, nach dem großen Wurf, gerichtet an die politischen und wirtschaftlichen Eliten. Aber dieser Ruf geht an die falsche Adresse: Warum sollten ausgerechnet diejenigen etwas verändern wollen, denen es jetzt schon blendend geht?

Nein, der Ruf geht an Dich. Und mich. Und an uns alle. Was hindert Dich daran, Deine eigene Vorstellung von der Zukunft zu erforschen und sie in der Welt zu vertreten? Warum sich nicht fragen: In was für einer Welt will ich leben? Wie soll sie sich anfühlen? Was möchte ich in ihr tun? Was wäre für mich die beste aller möglichen Zukünfte? 

Jede gute Zukunftserzählung zählt. Aus vielen Rinnsalen bildet sich ein mächtiger Strom.

Was Dir Dein eigenes Zukunftsmanifest bringt

Ich habe bereits mein Zukunftsmanifest verfasst und folgendes damit erlebt:

  • Ich habe festgestellt, welche Zeiträume für mich überhaupt vorstellbar sind. Bei den meisten Themen waren es um die 20 Jahre im Voraus.

  • Ich habe klarer erkannt, wofür ich stehe. Das stärkt mich im Dialog mit anderen.

  • Ich habe mir eine Grundlage für Hoffnung und Aktion geschaffen. Weniger Wischiwaschi, deutlichere Impact-Linien und Muster.

  • Ich habe meine Bedürfnisse wieder gespürt, auch für die Gegenwart.

  • Ich habe begonnen, konstruktiv-schöpferisch zu denken und zu handeln, im Sinne von: „Okay. Was könnten die besten Pfade und Schritte sein, um dorthin zu kommen?“

  • Last but not least: Ich bin unbeirrbarer geworden mitten im Geschrei von all den Zukünften, die ich nicht haben will.

Wenn Du das auch erleben möchtest:

So verfasst Du Dein Zukunftsmanifest für die Welt von morgen 

Wichtig: Hier geht es nicht um Deine privaten oder beruflichen Ziele, sondern um den Rahmen, in dem sie sich realisieren sollen. Hier stellst Du Dir eine Welt vor, in der Du gut und gerne leben möchtest, in allen relevanten Lebensbereichen. So bin ich dabei vorgegangen:

Wähle 10-15 Lebensbereiche aus, für die Du Dir die Welt in der Zukunft vorstellen möchtest. Das war meine Liste, hier zum Übernehmen und Anpassen:
• Weltpolitik / Weltfrieden
• Ernährung / Landwirtschaft
• Intimbeziehungen und Familie
• Mobilität
• Bauen & Wohnen
• City Design
• Erziehung & Bildung
• Demokratie & Staat
• Arbeit
• Geistiges Leben 
• Energieversorgung
• Konsum & Dinge
• Natur
Schreib diese Bereiche einfach runter, die Reihenfolge ist egal. Dies sind Deine Überschriften für Dein Manifest.

Schreibe zu jedem Lebensbereich etwa 150 Worte, also maximal 7-8 Sätze. Fang mit dem Lebensbereich an, zu dem Dir spontan am meisten einfällt, mach nach diesem Prinzip weiter. Wichtig dabei:

Schreibe so, als wäre alles schon erreicht. Also in der Gegenwartsform oder sogar in der Vergangenheitsform. DEINE WELT IST ALSO SCHON AM ZIEL und Du berichtest aus der Zukunft in unsere Gegenwart zurück.

Dare to dream. Welchen bestmöglichen Zustand kannst Du Dir vorstellen? Was ist bis dahin gelöst? Wie funktioniert es jetzt? Wie lebt es sich darin? Du darfst „konkret rumspinnen“. Es sind vor allem die Details, die eine großartige Wirkung entfalten, so verrückt sie aus heutiger Sicht scheinen mögen. Realismus lässt Du bitte walten, was die Naturgesetze und die Natur des Menschen betrifft. Die Schwerkraft wird weiter wirken und wir werden auch übermorgen keine perfekten Engel sein.

Aber sonst: Feel free!

Nix perfekt, schreib einfach. Mir ist zu einigen Bereichen viel, zu anderen wenig eingefallen. Manchmal war ich sehr allgemein, manchmal recht detailverliebt. Manchmal wars kitschig, manchmal schon sachlich durchdacht. Mal hatte meine Vision fette Lücken, mal war sie schlüssig hergeleitet. Mal kam ich übers Klischee nicht hinaus, mal war ich überrascht, wohin es mich trieb. Egal, wie’s bei Dir wird: Du verfasst kein ausgearbeitetes, wasserfestes Parteiprogramm, das einer Pressekonferenz standhalten muss, sondern Deine persönliche Zukunftsinventur, Stand jetzt. 

Besuche Deine Zukunft immer mal wieder

Ich werde mein Zukunftsmanifest regelmäßig aufsuchen und weiter daran werkeln, so wie ich das mit meiner Heidekate mache. Hier etwas ausbessern, dort etwas verfeinern und da was dranbauen. So wird mein Manifest immer konkreter.

Wenn Du dies tust, greift eine tiefere Methode: Du hast Dein Manifest so geschrieben, als wäre alles schon erreicht. Du denkst also von der Zukunft her zurück in die Gegenwart.

In der Zukunftsforschung nennt man das „Regnose“. Du versetzt Dich innerlich an einen Punkt, an dem es bereits gut geworden ist – und schaust von dort aus zurück auf heute.

Der entscheidende Effekt: Plötzlich fühlt sich der Weg nach vorne nicht mehr an wie ein Sprung ins Ungewisse, sondern wie ein Weg, den Du gedanklich schon einmal gegangen bist. Deshalb wirkt er fast schon vertraut. 

So wird Dein „Weg zurück“ zu Deinem „Weg voran“. Er fühlt sich überraschend konkret, gangbar – und vor allem: menschlich an.

Es ist vor allem DEIN / MEIN / UNSER Weg. 

Deshalb lohnt es sich, ihn zu gehen.

Unterwegs tut sich spannungsreiche Erlebnisräume auf, hier kurz umrissen:

  • Wie weit ist die heutige Welt von Deiner jeweiligen Zukunftsvorstellung entfernt? Gibt es bereits Ansätze in dieser Richtung oder stehst Du noch ganz allein und am Anfang damit?

  • Was sagt Dein Zukunftsmanifest über Deine politische Ausrichtung aus? Denn Du hast es schon gemerkt: Hier geht es um öffentliche Angelegenheiten, also um Politik.

  • Wie weit unterscheiden sich Deine Vorstellungen von den gängigen in den Medien – verbreitet von Politikern, Tech-Gurus, Mahnern und Propheten (hier bewusst nicht gegendert)?

  • Was wären erste mögliche Veränderungen auf dem Weg zur Realisierung?

  • Erkennst Du daraus Dein persönliches Zukunftsprojekt? Schließlich kannst Du Dich nicht in allen Lebensbereichen engagieren. Aber vielleicht hat sich aus dem Schreiben Deines Zukunftsmanifests ein Thema ergeben, das Dich ergriffen hat. Glückwunsch, dann hast Du jetzt eine Mission!

Das kann großen Spaß oder aber Schmerz bereiten, weil die Welt (noch) ganz und gar nicht so ist wie gewünscht. Oder Angst vor der eigenen Mission, die Dir Einsatz und Kampfgeist abverlangt. Doch egal, wie das momentane Gefühl ist: Dein, mein unser Zukunftsmanifest ist wichtig. Es verbessert unser Standing in der Welt. Wir liegen nicht mehr erschlagen unter dem Gewicht der Omnikrise. Wir lernen unsere Zukunftsstimme kennen, die umso stärker wird, je mehr wir sie nutzen.

… and share it all!

Womit wir beim letzten Punkt wären: Stell Dir vor, viele oder alle würden so ein Zukunftsmanifest schreiben und pflegen. Wir könnten damit Future Slams veranstalten, Workshops, in denen wir gemeinsame Muster und Sehnsüchte erkennen. Wir könnten sie über Soziale Medien in die Welt schicken und sie wachsen und mutieren sehen. Vielleicht bündeln sich einzelne Vorstellungen und Zukunftspfade. Und allmählich wird aus der „verrückten Einzelvision“ eine völlig normale Vorstellung.

Das ist keine Spinnerei.

Das ist schon oft passiert.

Wenn es nicht schon mal passiert wäre, gäbe es heute keine Schwulenehe und Grundschullehrer würden immer noch ihre Schüler verprügeln.

PS: Ich veröffentliche mein persönliches Zukunftsmanifest hier in drei Wochen, versprochen.

PSS: Wenn Du magst, schick mir Dein Zukunftsmanifest – und wir sprechen darüber, wie wir es hier veröffentlichen können.

Weitere Medizin gegen Zukunfts-Apathie

Du willst mehr übers „Zukunft machen“ (engl. Futuring) erfahren? Hier meine Lieblingsautoren:

Matthias Horx
Horx hat mit seiner Zukunftsforschung und insbesondere mit der Methode der Regnose einen wichtigen Perspektivwechsel etabliert: Zukunft wird nicht prognostiziert, sondern aus einer imaginierten Zukunft heraus gedacht. Genau tun wir in meinem und Deinem Zukunftsmanifest: Wir machen seine Methode persönlich anwendbar. Mein und Dein Zukunftsmanifest ist im Grunde eine individualisierte Regnose. Damit wird Zukunft von etwas Abstraktem zu etwas, das wir aktiv gestalten können.
Lese-Empfehlungen:
• Abonnier Dir seine Zukunftskolumne.
Der Zauber der Zukunft: Wie wir die Welt verändern, 2024
15 ½ Regeln für die Zukunft, 2019
Das Buch des Wandels – wie Menschen Zukunft gestalten, 2011

Florence Gaub
Florence Gaub zeigt, dass Zukunft keine lineare Verlängerung der Gegenwart ist, sondern ein Raum von Möglichkeiten, der stark von unseren Annahmen geprägt wird. Sie arbeitet heraus, wie sehr unsere oft pessimistischen Zukunftsbilder unser Handeln einschränken. Mein und Dein Zukunftsmanifest setzt genau hier an: Du ersetzt passive Erwartung durch aktive Imagination – und eröffnest damit neue Handlungsräume.
Lese-Empfehlungen:
Zukunft: Eine Bedienungsanleitung, 2025
Szenario: Die Zukunft steht auf dem Spiel, 2025

Jane McGonigal
Jane McGonigal nutzt spielerische Zukunftsszenarien, um Menschen aus der Ohnmacht zu holen und ihre Vorstellungskraft zu aktivieren. Ihr Ansatz: Wer sich lebendig vorstellen kann, wie eine bessere Zukunft aussieht, handelt eher in diese Richtung. Mein und Dein Zukunftsmanifest folgt derselben Logik – nur ohne Spiel, dafür mit persönlicher Verbindlichkeit. 
Lese-Empfehlungen:
• Bereit für die Zukunft: Das Unvorstellbare denken und kommende Krisen besser meistern, 2022
• SuperBetter: How a gameful life can make you stronger, happier, braver and more resilient, 2016

Nachklang, wenn Du Dein Zukunftsmanifest verfasst hast

Dog Days Are Over, Florence + The Machine
Students of Paradiese, Maxim Rad
Shining Star, Earth, Wind & Fire

Die 3 Songs hören auf Spotify
Alle Songs von Buddha-in-Business auf Spotify
Enjoy!

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Beides ist eine Freude für mich. Vielen Dank.

Das Beitragsbild ist diesmal nicht von mir, sondern von meiner Tochter. Gemalt mitten in der Corona-Krise. Da war sie 11.

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Armin Jäger

Der schönste Wettbewerbsvorteil ist Bewusstheit.